Ein angiologischer Fall?

Ein Patientenbeispiel aus dem Praxisalltag.

Ein angiologischer Fall?

Frau Sch., eine normalgewichtige, körperlich und geistig überaus rege 74-Jährige, war erneut beim Kardiologen, um ihre asymptomatische Karotisstenose überprüfen zu lassen, mit unverändertem Ergebnis einer beidseitig mäßiggradigen Stenose von 50 %. Sie soll nach Meinung der kardiologischen Kollegen von Simvastatin 40 auf Atorvastatin/Ezetimib 10/40 umgestellt werden, um den angestrebten Zielwert für das LDL < 70 mg/dl (< 1,8 mmol/l) zu erreichen.

Kommentar

Es schadet nichts, mit Frau Sch. offen zu besprechen, dass in ihrem Fall der Nutzen einer Therapie überhaupt nicht sicher belegbar ist, nicht einmal der Thrombozytenaggregationshemmung mit ASS. Sie führen ein generelles Rissikoassessment durch (z. B. mit ARRIBA). Bei einem errechneten kardiovaskulären Risiko von über 20 % aufgrund von Blutdruck, Familienanamnese und Gesamtcholesterin lässt sich eine prophylaktische Statintherapie rechtfertigen. Eine asymptomatische mäßiggradige Karotisstenose gilt nicht als manifeste Arteriosklerose, deswegen ist die Statintherapie eine Maßnahme der kardiovaskulären Primärprävention. Der Vorschlag einer Titration auf einen festen niedrigen LDL-Wert dagegen kann sich nur auf Empfehlungen stützen, deren Unabhängigkeit in Frage steht (ESC Guidelines), und würde Frau Sch. einer unangemessen intensiven Überwachung aussetzen. Sie sollte weiterhin die Karotisstenose einmal jährlich überprüfen lassen – und ansonsten in ihrem Lebensstil bestärkt werden, der offensichtlich die beste kardiovaskuläre Propylaxe darstellt

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