COVID-19: Wir wissen, dass wir noch nicht viel wissen

Uns fehlen Daten zur Durchseuchung in Deutschland und weltweit.

COVID-19: Wir wissen, dass wir noch nicht viel wissen

Thema der Woche, 14.04.2020 von Dr. med. Marlies Karsch

Die COVID-19-Pandemie beschäftigt uns alle. Man könnte meinen, es gebe keine anderen Krankheiten oder Gesprächsthemen mehr. Überall äußern Experten ihre Meinung zum Coronavirus, zum Verlauf der Epidemie und darüber, was sie in dieser Situation für richtig oder falsch halten. Dabei scheiden sich die Geister: Es gibt diejenigen, die die Corona-Pandemie für höchstens so schwerwiegend wie eine Grippewelle halten und davon ausgehen, dass in Deutschland gar keine „Übersterblichkeit“ nachweisbar sein wird. Und dann sind da die anderen, die glauben, dass die weltweite Ausbreitung von SARS-CoV-2 katastrophal verlaufen wird. Beiden Parteien ist gemeinsam, dass sie ihre Meinung auf einer äußerst unzureichenden Daten- und Wissensbasis gebildet haben. Denn was wir über COVID-19 wissen, ist noch nicht genug, um mit fester Überzeugung Prognosen abzugeben.

Die Fallzahlen, die wir kennen, und die in verschiedenen Dashboards mit beängstigender Geschwindigkeit zunehmen, stützen sich auf die Zahl der positiv getesteten und gemeldeten Fälle in den verschiedenen Ländern. Die Testraten und die Meldeprozeduren unterscheiden sich von Land zu Land. Allen gemeinsam ist aber, dass asymptomatische und oligosymptomatische Infizierte nicht erfasst werden, dass die (anzunehmende) Zahl der Genesenen nicht abgezogen wird und dass meist unsystematisch und nur anlassbezogen getestet wird. Auch die Zahl der Todesfälle ist nicht verlässlich. So werden, auch hierzulande, Tote mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion erfasst, aber klinische Befunde, z. B. Vorhandensein einer interstitiellen Pneumonie, nicht vom RKI dokumentiert. So kann es einerseits sein, dass Verstorbene, die nur „mit" und nicht „an" SARS-CoV gestorben sind, mitgezählt werden. Andererseits kann es auch sein, dass Menschen mit atypischen Symptomen unbemerkt an COVID-19 verstorben sind. Wer also rein auf quantitative epidemiologische Daten, wie Fallzahl und Letalität, setzt, läuft Gefahr, sich zu irren. Für die Berechnung der Letalität oder auch des Fall-Verstorbenen-Anteils müssen wir einen Quotienten verwenden, bei dem Zähler und Nenner unbekannt sind. Und genau diese unsichere Datenbasis macht auch Aussagen über Verdopplungszeiten und exponentielles oder lineares Wachstum der Fallzahlen sehr schwierig.

Uns fehlen Daten zur Durchseuchung in Deutschland (und weltweit), weil der PCR-Test, der nach der Erkrankung wieder negativ wird, nur eine Momentaufnahme während einer akuten Erkrankung bietet. Serologische Massentests dagegen können aufgrund der noch geringen Vortestwahrscheinlichkeit (Durchseuchung) auch bei guten Testeigenschaften zu einer hohen Rate falsch positiver Ergebnisse führen und damit zu der Annahme, dass mehr Menschen bereits immun sind, als es tatsächlich der Fall ist. Die bereits gestarteten infektiologischen Untersuchungen großer Kohorten, beispielsweise in München und Heinsberg, können hier eine solide Datenbasis liefern.

Was wir aber kennen, sind die qualitativen Aspekte dieser Pandemie: SARS-CoV-2 kann bei einem unbekannten Prozentsatz der Infizierten zu einem schweren Krankheitsverlauf mit interstitieller Pneumonie bis hin zum ARDS führen. Es kann dazu kommen, dass auch in westlichen Industrienationen die schwer Erkrankten regional so stark zunehmen, dass, wie beispielsweise in Italien und New York, Patienten aufgrund unzureichender Kapazität des Gesundheitswesens nicht ausreichend versorgt werden können und deswegen versterben. Ursache ist ein nicht vorhersehbares und offensichtlich schwer einzudämmendes Auftreten lokaler Cluster, die mit einer hohen lokalen Sterblichkeitsrate einhergehen. Die Schwere der COVID-19-Pandemie nur an der „Übersterblichkeit“ im Vergleich zu üblichen nationalen oder gar globalen Mortalitätsziffern zu messen, wird solchen schweren lokalen Ausbrüchen nicht gerecht.

Die Wirksamkeit der derzeitigen Eindämmungsmaßnahmen wird viel diskutiert. Wirtschaftliche, soziale, aber auch gesundheitliche Folgen sind schwer abzuschätzen. Da wir alle so eine Situation zum ersten Mal erleben, gibt es keine Daten und Erfahrungen, auf die wir uns stützen können. Ob die massiven Eindämmungsmaßnahmen in China wirklich so erfolgreich waren, können wir nicht wissen. China konnte als totalitärer Staat zwar diese Maßnahmen durchsetzen, hat aber auch die Kontrolle über die Berichterstattung darüber. Dass laut RKI in Deutschland die Rate akuter respiratorischer Infekte im Vergleich zu den Vorjahren massiv zurückgeht, bedeutet zunächst nur, dass die Eindämmungsmaßnahmen eingehalten werden. Ob sie sich auch relevant auf COVID-19 auswirken, weiß derzeit noch niemand. Auch zu den Fragen, wann und wie Maßnahmen zu lockern sind und ob dann die Gefahr einer zweiten Infektionswelle besteht, gibt es keine evidenzbasierte Antwort.

Wir müssen mit vielen Ungewissheiten leben und wichtige Entscheidungen treffen. Beispielsweise gibt es zum Nutzen von chirurgischem Mund-Nasen-Schutz oder selbst gefertigten Masken keine Daten, was aber nicht heißt, dass es keinen Nutzen gibt. Bei all der Unsicherheit ist es wichtig, dass bei den jetzt durchgeführten Maßnahmen eine wissenschaftliche Begleitung und Evaluation stattfindet, damit sich unser Wissen rasch vergrößert, wir in dieser Pandemie zunehmend richtig reagieren können und für möglicherweise kommende Pandemien besser gerüstet sind.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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