Kochrezept für eine Verschwörungstheorie

Erste Zutat: Eine allgemein verunsichernde Situation, die die gewohnten Sicherheiten in Frage stellt, z. B. eine Pandemie.

Kochrezept für eine Verschwörungstheorie

Thema der Woche, 18.05.2020 von Dr. med. Marlies Karsch

Trotz der bundesweiten Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen gegen die COVID-19-Pandemie und des öffentlichen Diskurses über die einzelnen Schritte liegen bei vielen Menschen die Nerven blank. In sozialen Medien, verschiedenen Publikationsorganen und teilweise nicht genehmigten Demonstrationen wird gegen „die Corona-Maßnahmen“ protestiert. Dabei bilden sich auf den ersten Blick nicht nachvollziehbare Allianzen aus wirklich Betroffenen, wie Gastwirten und Alleinerziehenden sowie Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern, Wissenschaftsskeptikern und Rechtsradikalen. Allen gemeinsam ist, dass es sehr schwer ist, sie mit Fakten zu überzeugen. Ihre Ansichten erscheinen festgefahren und basieren auf kruden Theorien und Meinungen, die vor allem über soziale Medien verbreitet werden.

Woher kommen diese Ansichten und warum sind ihre Anhänger so überzeugt, dass sie sich nicht davon abbringen lassen? Um das zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die einzelnen Bestandteile einer erfolgreichen Verschwörungstheorie zu werfen. Zu Beginn braucht es eine allgemein verunsichernde Situation, die die gewohnten Sicherheiten in Frage stellt, z. B. eine Pandemie mit einem bisher unbekannten Virus und weltweit ungeahnten Folgen. Hinzu kommen dann für viele unangenehme und drastische staatliche Eingriffe in den persönlichen Alltag, die zwar wissenschaftlich und durch das Infektionsschutzgesetz begründet sind, aber aufgrund fehlender Datenlage und Erfahrung kontrovers diskutiert werden. Dann muss von einigen Akteuren öffentlich der Verdacht mangelnder Transparenz für die Gründe der staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen gestreut werden. Erfolgversprechend ist auch, hier finstere vor der Bevölkerung geheim gehaltene Absichten zu unterstellen. Diese Verdächtigungen fallen dann bei manchen der durch die Ausnahmesituation verunsicherten Bürger auf fruchtbaren Boden. Sie glauben, so Schuldige für ihre derzeitige Situation zu erkennen.

Als angebliche Belege können dann beispielsweise „geheime Berichte“ und „Geheimpläne“ zitiert werden, die etwa eine geplante Zwangsimpfung der gesamten Bevölkerung belegen. Dass die genannten Geheimdokumente keineswegs geheim, sondern missverstandene öffentlich zugängliche Dokumente der Bundesregierung oder des Europarats sind, stört keinen. Auch dass die Pandemie geplant sei, vorzugsweise von Bill Gates, um an Impfstoffen zu verdienen, den Menschen Mikrochips einzupflanzen oder eine Gesundheitsdiktatur zu errichten, scheint für manche plausibel zu klingen. Trotz widersprechender Studienergebnisse wird hartnäckig das Gerücht weiterverbreitet, SARS-CoV-2 sei eine in einem chinesischen Labor gezüchtete „Biowaffe“, die versehentlich freigesetzt wurde. Unterstützend wirken hier „Expertenmeinungen“: Äußerungen einzelner Ärzte, aber auch von Philosophen, bekannten Impfgegnern und B-Prominenten werden zum Beleg der eigenen Meinung herangezogen. Manche der Zitierten verfolgen eigene Interessen: Sie verbreiten Falschinformationen über von ihnen vertriebene angebliche Heilmittel gegen Corona, wie Chlordioxid oder Vitaminpräparate, suchen öffentliche Aufmerksamkeit, wollen ihre Bücher vermarkten oder Anhänger und Wähler gewinnen.

Wir können diese Menschen belächeln und ansonsten ein bisschen besorgt über diese öffentliche Stimmungslage sein. Oder wir fassen uns an die eigene Nase und hinterfragen unsere Ansichten und Überzeugungen zur Coronapandemie. Wir alle haben unsere Meinungen, und es ist sehr leicht, sie auch durch selektive Wahrnehmung wissenschaftlicher Publikationen und epidemiologischer Fallzahlen bestätigt zu sehen. Der Rückgang der Infektionszahlen und die niedrige Streberate in Deutschland können sowohl die Ansicht der Lockdown-Befürworter bestätigen („die Maßnahmen waren wirksam“) als auch die der Lockdown-Gegner („wäre also alles nicht nötig gewesen“). Wir müssen offen sein und geduldig bleiben. Tatsächlich ist es auf der Basis des heutigen Wissens und der unsicheren Zahlen zu COVID-19 noch gar nicht möglich, irgendeine richtige Einschätzung abzugeben oder dauerhaft Position zu beziehen.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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