Geiz ist nicht geil

Die „Corona-Krise“ lenkt das Augenmerk auf Schwachstellen unserer Gesellschaft.

Geiz ist nicht geil

Thema der Woche, 29.06.2020 von Dr. med. Marlies Karsch

Die Nachrichten über die explosionsartige Ausbreitung von SARS-CoV-2 bei osteuropäischen Lohnarbeiter*innen in fleischverarbeitenden Betrieben sind schockierend. Plötzlich wird offenbar, was eigentlich alle schon lange wissen, aber offensichtlich gut ausblenden können: Unser Lebensstil und die damit verbundene Verfügbarkeit äußerst billiger Lebensmittel hat seinen Preis. Irgendjemand muss es möglich machen, dass Fleisch im Supermarkt so wenig kostet. Durch Gedanken an ausgebeutete Arbeitskräfte möchte sich die Mehrheit der Konsument*innen anscheinend nicht den Appetit verderben lassen und nimmt stillschweigend die Nebenwirkungen und Folgen von Billigfleischproduktion in Kauf. Auch preiswerter und in großen Mengen verfügbarer Spargel ist uns anscheinend so wichtig, dass zur Ernte trotz Lockdown Billigarbeiter*innen aus Osteuropa eingeflogen werden mussten, ohne Rücksicht auf die damit verbundene Infektionsgefahr.

Es gibt viele plausible Erklärungsversuche für die Ausbreitung von SARS-CoV-2 in fleischverarbeitenden Betrieben. Die kalte Luft in den Zerlegungshallen begünstigt die Ausbreitung des Virus. Auch körperlich anstrengende Arbeit auf engem Raum ohne Einhaltung der Abstandsregeln erhöht die Ansteckungsraten. Zusätzlich sind die Arbeiter*innen meist in zu kleinen Unterkünften untergebracht, in denen Abstandhalten auch nicht möglich ist. Sprachliche Barrieren erschweren Informationsmöglichkeiten. Dass Dolmetscher*innen für Polnisch, Rumänisch und Bulgarisch erst im Ausbruch zur Aufklärung und Beruhigung der Menschen in Isolation und Quarantäne angefordert wurden, zeigt, dass vorher keine Möglichkeit zur Verständigung angeboten wurde. Die Betroffenen hätten sich auch nicht so einfach gegen ihre Arbeitsbedingungen wehren können: Sie sind bei Subunternehmen angestellt, oft befristet, und ihre Unterkunft gehört in vielen Fällen dem Unternehmen. Bei Beschwerden hätte also die Gefahr bestanden, nicht nur Job, sondern auch Wohnung zu verlieren. Bei den jetzt so zahlreich infizierten Arbeiter*innen handelt es sich um eine durch ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen vulnerable Gruppe. Niedrige Löhne, Sprachbarriere und gesellschaftliche Ausgrenzung bringen die Betroffenen in eine prekäre Situation. Sie benötigen eigentlich besonderen Schutz. Beschämend, dass ihnen dieser Schutz in unserer Gesellschaft nicht gewährt wurde.

Die Arbeitsbedingungen in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie waren in den letzten Wochen immer wieder Thema in den Medien und haben viel Aufmerksamkeit bekommen. Aber auch in anderen Branchen werden Tagelöhner*innen und Lohnarbeiter*innen aus Osteuropa vorzugsweise „schwarz“, also ohne Krankenversicherung, Unfallversicherung oder soziale Absicherung, beschäftigt. Gerade in Großstädten sind die Betroffenen häufig wohnungslos, weil sie keinen Arbeitsvertrag vorweisen können und die lokalen Mieten sowieso zu hoch sind (siehe hierzu das Thema der Woche 2018-W35). Häufig beuten hier Subunternehmen von Gebäudereinigungsunternehmen oder Baufirmen die Betroffenen aus. Die Ursache liegt aber auch hier in unserer Gesellschaft. Wo öffentliche Bauaufträge immer an Bewerber*innen mit dem billigsten Angebot vergeben werden und an den Kosten für Dienstleistungen massiv gespart wird, werden irgendwann die Arbeitskräfte und ihre Rechte zu einem Faktor, den man einsparen kann. Auch in diesen Bereichen sind die Arbeitnehmer*innen rechtlich und sozial nicht abgesichert und gehören zu einer durch COVID-19 besonders gefährdeten Personengruppe (siehe hierzu das Thema der Woche 2020-W13).

Die „Corona-Krise“ lenkt das Augenmerk auf Schwachstellen unserer Gesellschaft. Hoffentlich führt das in manchen Bereichen zu einem Umdenken oder einer Änderung des Konsumverhaltens. Vielleicht werden ja diejenigen unter uns, die immer noch Fleisch essen, ihren Fleischkonsum einschränken und auf Billigfleisch aus dem Supermarkt verzichten. Es müssen ja nicht alle Vegetarier*innen werden. Aber weniger Fleisch und das dann von regionalen Betrieben, womöglich in Bio-Qualität, wäre gesünder für Konsument*innen und könnte über die Nachfrage Bedingungen für Tiere und Arbeitskräfte verbessern. Generell muss sich in dieser „Krise“ als Konsens durchsetzen, dass jegliche Arbeit ordentlich bezahlt werden muss und Arbeitnehmerrechte nicht eingespart werden können, nur weil wir billigen Spargel essen wollen, Kommunen günstig bauen wollen und Firmen an der Reinigung ihrer Räume geizen. Deutschland ist kein armes Land, unsere Gesellschaft kann es sich leisten, Arbeitskräfte anständig zu behandeln.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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