Reisemedizin 2020

Typische Reiseerkrankungen, die Urlauber*innen von Fernreisen mit nach Hause bringen, werden dieses Jahr voraussichtlich stark zurück gehen. Stattdessen könnten beispielsweise stillgelegte Bäder zu anderen Erkrankungen führen.

Reisemedizin 2020

Thema der Woche, 03.08.2020 von Dr. med. Marlies Karsch

Normalerweise schreibe ich jedes Jahr zur Reisezeit an dieser Stelle einen Artikel, in dem ich auf typische Reiseerkrankungen hinweise und unsere dazu passenden aktuellen Deximed-Artikel vorstelle. Dabei habe ich in der Vergangenheit schon über unsere Artikel Fieber bei Tropenrückkehrer*innen, Parasiten bei Tropenrückkehrer*innen und Reisediarrhö berichtet und typische Tropenerkrankungen, wie Dengue-Fieber, Malaria und Typhus hervorgehoben. Dieses Jahr ist vieles anders. Die Menschen verreisen weniger und nicht so weit weg. Die ausgewiesenen Risikogebiete werden doch eher gemieden. Ein großer Teil der Urlaubsbedürftigen verbringt die Ferien in Deutschland oder in Europa. Es ist also davon auszugehen, dass in diesem Jahr importierte Tropenerkrankungen eine untergeordnete Rolle spielen werden.

Welche gesundheitlichen Probleme können in Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern auftreten? An welche Erkrankungen muss man bei Reisen nach Süd- oder Nordeuropa denken? Viele Probleme kommen ubiquitär vor. Beispielsweise kann man in ganz Europa mit Insektenstichen und -bissen zu kämpfen haben. In Unterkünften verschiedenster Ausstattung und Kategorie können Bettwanzen auftreten. Auch zu Schlangen- und anderen Tierbissen kann es genauso in Nordschweden wie in Sizilien kommen. Relativ selten, aber bei Personen mit offenen Wunden und/oder geschwächtem Immunsystem sehr gefährlich, ist eine Infektion mit Vibrio vulnificus. Dieses Bakterium kommt in Nord- und Ostsee bei Wassertemperaturen über 20 Grad vor und kann zu schweren Wundinfektionen und Sepsis führen. Der Sommer ist zwar in diesem Jahr insgesamt nicht so heiß, aber an den wenigen sehr heißen Tagen können insbesondere ältere Menschen unter Hitze zu leiden haben. Hitzschlag und anderen Hitzeschäden können auftreten, egal, ob die Betroffenen zu Hause oder auf Reisen sind.

Da viele Reisende in diesem Jahr eine Ferienwohnung einem Hotelaufenthalt vorziehen, kann es sein, dass sich in während des Lockdowns nicht genutzten Bädern Legionellen vermehren konnten. Deshalb sollte bei Atemwegssymptomen bei Reiserückkehrern auch an eine Legionellose gedacht werden. Lebensmittelvergiftung und Gastroenteritis treten ebenfalls ubiquitär auf und können leider auch diejenigen treffen, die ihren Urlaub zu Hause verbringen und einfach einmal schön Essen gehen wollten. Da doch einige Urlauber*innen wieder Flugreisen antreten, können im Praxisalltag wieder die jährlichen Fragen zur Thromboseprophylaxe bei Flugreisen auftauchen. Informationen zu den wenigen Indikationen für eine medikamentöse Prophylaxe bietet unser Artikel zu diesem Thema.

Die aber relevanteste Reiseerkrankung der Saison 2020 ist COVID-19. In der Reisezeit steigen bundesweit die Fallzahlen wieder an. Bilder und Zeitungsberichte von extrem sorglosen Tourist*innen, die sich dicht an dicht ohne Maske am Strand tummeln oder ohne jeglichen Abstand zusammengedrängt und ebenfalls ohne Maske Touristenkneipen besuchen, lassen Schlimmes befürchten. Offenbar ist es nicht gelungen, den Urlauber*innen zu vermitteln, dass eine teilweise Aufhebung der Reisebeschränkungen keineswegs das Ende der Pandemie bedeutet. Werden diese Reisenden in großer Zahl SARS-CoV-2-Infektionen mit nach Hause bringen? Die politisch Verantwortlichen wollen dem mit Pflichttestungen für Rückkehrer*innen aus Risikogebieten entgegenwirken. Da der Corona-Abstrich, wie jetzt eigentlich jedem bekannt sein müsste, nur eine Momentaufnahme des Infektionsstatus sein kann, scheint es keine gute Idee zu sein, Rückkehrer mit negativem Abstrich von weiterer Quarantäne zu befreien. Für Reiserückkehrer aus Nicht-Risikogebieten, die aber durch unvorsichtiges Verhalten in einer Kneipe oder bei einer Veranstaltung infiziert worden sein können, besteht bisher keine Test- oder Quarantänepflicht.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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