Einsames Kranksein während der Pandemie

In Zeiten der Corona-Pandemie sind Begleitpersonen in den meisten Arztpraxen nicht erlaubt.

Einsames Kranksein während der Pandemie

Thema der Woche, 11.01.2021 von Dr. med. Marlies Karsch

Es gibt Untersuchungen darüber, was Patient*innen von einem Aufklärungsgespräch noch mitbekommen, nachdem der Satz „Sie haben Krebs“ gefallen ist: gar nichts. Dass dies so ist, ahnen die meisten Patient*innen. Deswegen nehmen sich viele eine Begleitperson aus ihrer Familie oder aus dem engen Freundeskreis zu einem wichtigen Arztgespräch mit, bei dem über eine schwerwiegende Erkrankung gesprochen werden soll. Sie möchten jemanden dabei haben, der sie tröstet, wenn sie bei diesem Arzttermin eine niederschmetternde Nachricht erhalten, der den Erklärungen der Ärzt*innen weiter zuhören kann, wenn sie selbst in Tränen ausbrechen, und der für sie die nötigen Fragen stellt.

In Zeiten der Corona-Pandemie sind Begleitpersonen in den meisten Arztpraxen nicht erlaubt, auch nicht in den onkologischen. Ebenso sind Begleitpersonen und Besuche in Kliniken meist nicht zugelassen. Es ist schrecklich einsam für Patient*innen, die mit einer neu gestellten Krebsdiagnose sämtliche Arzttermine oder Visiten allein wahrnehmen müssen, mit beängstigenden Fremdwörtern konfrontiert werden und vor lauter Überforderung nicht nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Sie können ihren Lieben zuhause dann nur aus zweiter Hand berichten. So wird es beispielsweise schwierig, gemeinsam zu entscheiden, ob man sich lieber eine zweite Meinung holen sollte.

Erschwerend hinzu kommt auch, dass während der Corona-Pandemie die Versorgung von onkologischen Patient*innen nach Aussage der Deutschen Krebsgesellschaft zum Teil erheblich eingeschränkt ist. Diagnostische Maßnahmen und Operationen werden verschoben, Chemotherapien verkürzt, Strahlentherapie-Fraktionen reduziert, Nachsorgetermine ausgesetzt und psychoonkologische Termine als Videokonferenz durchgeführt. Auch die Zahl der Früherkennungsuntersuchungen ist deutlich reduziert. Die Folgen für die Krebsmortalität, nicht nur in Deutschland, sind noch nicht absehbar. Aber auch eine Umfrage der Deutschen Krebsgesellschaft und des Deutschen Krebsforschungszentrums an onkologischen Zentren zur Versorgung während der Pandemie ergab besonders starke Einschränkungen in den beratenden Maßnahmen für die Betroffenen, also bei der psychoonkologischen, ernährungstherapeutischen und sozialen Betreuung.

Hier sind die Hausärzt*innen gefordert: Ihre Aufgabe ist es beispielsweise, für eine junge Mutter mit neu festgestelltem Brustkrebs bei den Fachärzt*innen nachzufragen, was geplant ist und warum, weil sich die Patientin vor lauter Angst nicht mehr an alles erinnern kann, was gesagt wurde. Hausärzt*innen werden gebraucht, wenn eine ältere Patientin mit einer hämatologischen Erkrankung nach einem Aufklärungsgespräch in einer onkologischen Praxis mit der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie allein dasteht.

Viele Patient*innen sind während der Pandemie zu kurz gekommen. Beispielsweise ist schon im Frühjahr 2020 fast jede zweite Operation bei Kindern ausgefallen. Auch die Zahl von Krankenhausaufnahmen von Kindern ging deutlich zurück. Die Auswirkungen auf die Morbidität bei Kindern mit chronischen (Asthma, Typ-1-Diabetes) und malignen Erkrankungen sind nicht erforscht. Zahlreiche Klinikaufnahmen und elektive Operationen Erwachsener wurden ebenfalls verschoben oder fanden gar nicht erst statt. 2021 sollte das Jahr sein, in dem Versäumtes nachgeholt wird. Wir sollten darauf achten, dass Vorsorgetermine wahrgenommen werden, Patient*innen zu Früherkennungsuntersuchungen gehen und sich chronisch Kranke wieder öfter trauen, in Arztpraxen zu kommen. Auch wenn die Pandemie anhält und noch nicht klar ist, ob und wie schnell Lockdown und Impfungen nachhaltig wirken, sollten unsere Patient*innen dabei unterstützt werden, auf sich selbst zu achten, Hilfe zu suchen und die nötige medizinische Versorgung zu erhalten.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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