Landarztquote oder Zwang statt Motivation

Ist die Landarztquote wirklich eine Chancen oder führt sie bei den Teilnehmern eher zu Unzufriedenheit?

Thema der Woche, 09.12.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Landarzt

>Landarztquote oder Zwang statt Motivation

Nach Nordrhein-Westfalen (NRW) führen jetzt auch Bayern und weitere Bundesländer die Landarztquote ein. In NRW stehen für die Teilnehmer an der Landarztquote bereits reservierte Studienplätze ab dem jetzigen Wintersemester 2019/2010 bereit. In Bayern und weiteren Bundesländern, wie Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt, soll es in einem Jahr losgehen. Medizinstudierende, die im Rahmen der Landarztquote einen Studienplatz bekommen, verpflichten sich, nach der Facharztweiterbildung für 10 Jahre in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region als Hausärzte zu arbeiten. Die Vertragsstrafe liegt bei 250.000 Euro.

Das ist einer von vielen Versuchen, dem drohenden oder bereits bestehenden Hausarztmangel entgegenzuwirken. Ja nach Bundesland liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte bei über 50 oder sogar 60 Jahren. Viele der noch niedergelassenen Hausärzte werden in den nächsten Jahren in Rente gehen und große Schwierigkeiten haben, Nachfolger für Ihre Praxis zu finden.

Das Prinzip ist also folgendes: Wenn die Rahmenbedingungen für eine Tätigkeit als niedergelassene Hausärzte derartig schlecht und unattraktiv sind, dass eine deutschlandweite hausärztliche Unterversorgung droht, dann werden nicht die Rahmenbedingungen verbessert, sondern der Nachwuchs durch Knebelverträge in die Hausarztpraxis gezwungen. Dass so etwas möglich ist, liegt daran, dass die hohen Hürden für eine Zulassung zum Medizinstudium, wie der Numerus clausus von 1,0, und die angesichts der hohen Bewerberzahlen geringe Anzahl von Studienplätzen anscheinend manche Bewerber zur Verzweiflung treiben. Der Wunsch, Medizin zu studieren, ist bei einigen so groß, dass sie zu fast allem bereit sind. Diese Lage wird also von der Politik ausgenützt.

An diesem Vorgehen gibt es einige Kritikpunkte, die auch von Studierenden oder der DEGAM angeführt werden. Woher sollen Studienanfänger mit 18 Jahren wissen, was sie wirklich später machen möchten? Vielleicht entdecken sie erst im Verlauf des Studiums ihre Leidenschaft für die Neurologie, haben Spaß an einer Doktorarbeit in Gynäkologie oder lernen Lebenspartner kennen, die beruflich an eine Großstadt gebunden sind. Dann können sich nur die Studenten aus sehr wohlhabenden Familien „freikaufen", was sozial sehr ungerecht ist. Als Folge haben wir womöglich Landärzte, die ihren Beruf widerwillig ausüben und nur noch warten, bis sie aufhören können. Außerdem brauchen Studierende, die in diesem oder dem nächsten Wintersemester anfangen, mindestens 11 Jahre bis zur Niederlassung als Landärzte. Angesichts der Altersstruktur bei den Hausärzten greift diese Maßnahme also viel zu spät.

Wie wäre es, die Motivation für eine Landarzttätigkeit dadurch zu erhöhen, dass erstens im Studium das Wissen über die Allgemeinmedizin in den Vordergrund gestellt wird und dass zweitens die Rahmenbedingungen für eine Niederlassung attraktiver gemacht werden? Ja, diese Ideen hatten andere auch schon, es gibt auch Maßnahmen, die in diese Richtung gehen. Aber offensichtlich reicht das nicht. Viele lassen sich von einer Weiterbildung in der Allgemeinmedizin durch die Größe des Faches und durch spätere bürokratische Hürden bei der Weiterbildung abschrecken. Unsere Artikel zur Facharztweiterbildung Allgemeinmedizin und zum Praxiswissen können hier eine Hilfestellung bieten.

Marlies Karsch, Chefredakteurin