Das gibt es ja auch noch: Erkältung

Das gibt es ja auch noch: Erkältung

Thema der Woche, 08.03.2021 von Dr. med. Marlies Karsch

Ich weiß nicht, wie oft Sie in den letzten Monaten erklären mussten, dass geöffnete Fenster in Schulen, Büros oder in anderen Räumen nicht zu einer Erkältung führen, sondern dass gerade geschlossene Fenster dazu beitragen, sich in einem Raum mit anderen Menschen mit Erkältungsviren (oder eben COVID-19) anzustecken. Gefühlt mindestens hundert Mal, vermute ich. Kontaktbeschränkungen, Hygiene- und Abstandsregeln sowie verschiedene Lockdown-Maßnahmen haben den erfreulichen Nebeneffekt, dass die diesjährige Erkältungs- und Influenzasaison relativ glimpflich verläuft. Dennoch haben einige Menschen Erkältungssymptome bei negativem Test auf SARS-CoV-2. Damit der Markt dieses Jahr nicht ganz brachliegt, wird in verschiedenen Medien und Apothekenauslagen fleißig für OTC-„Erkältungsmedikamente“ aller Art geworben.

Dies haben wir zum Anlass genommen, wieder einmal einen genaueren Blick auf die Erkältungskrankheit und das riesige Angebot an Therapieoptionen zu werfen. Wir haben den Artikel Erkältungskrankheit neu überarbeitet und dabei die aktuelle Evidenz für verschiedene Arznei- und Hausmittel sowie Supplemente überprüft. Zu vielen dieser Maßnahmen zur Behandlung und Präventionen gibt es systematische Reviews und Metaanalysen der Cochrane Collaboration. Bei der Literaturrecherche zum Thema Erkältung fällt auf, dass ein Großteil dieser Cochrane-Reviews seit Jahren nicht aktualisiert wurde. Das bedeutet, es gibt keine neue Evidenz. Als Autorin eines dieser Reviews zur Wirksamkeit von Echinacea zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen kann ich das bestätigen: Es gibt seit Jahren keine neuen randomisierten kontrollierten Studien zu Echinacea und Erkältung. Wie kann das sein? Wieso wird über die Behandlung der häufigsten Erkrankung des Menschen nicht mehr geforscht?

Die Antwort liegt auf der Hand: Alle, zum Teil sehr lukrative OTC-Maßnahmen sind bereits zugelassen und verkaufen sich gut. Ein Beweis für die Wirksamkeit ist nicht erforderlich. Niemand, insbesondere nicht die Hersteller, hat ein Interesse daran, hier noch einmal genauer hinzusehen und festzustellen, dass das gut verkäufliche Präparat gar nicht oder deutlich schwächer wirksam ist, als die Werbebotschaften behaupten. Ähnliches gilt für Hausmittel wie Wasserdampfinhalation. Damit lässt sich kein Geld verdienen. Deswegen gibt dafür auch niemand Forschungsgelder aus.

Es hat sich also nicht viel geändert. Weiterhin gilt: Für Hausmittel, wie viel Trinken, Nasenspülungen und Wasserdampfinhalationen, gibt es keine Evidenz für eine Wirksamkeit. Nicht wirksam und nicht empfohlen sind Opioide zur Hustendämpfung (nur bei stark gestörtem Nachtschlaf), ebenso Mukolytika und kortikoidhaltige Nasensprays. Zink, Vitamin C, Umckaloabo und Echinacea haben keinen eindeutigen Effekt.

Bei den Medikamenten, für die wenigstens eine gewisse Symptomlinderung ohne Einfluss auf den Krankheitsverlauf belegt ist, gibt es auch keine bahnbrechenden Neuigkeiten: Paracetamol und NSAR können bei Beachtung des Nebenwirkungsprofils zur Symptomlinderung eingesetzt werden. Abschwellende und Kochsalz-Nasensprays können zu einer geringen klinischen Besserung führen. Salbe mit Menthol, Kampfer und Eukalyptus hat bei Kindern einen lindernden Effekt. Und Honig scheint Hustensymptome bei Kindern bis zu einem gewissen Grad bessern zu können.

Zur Prävention von Erkältungen sind die derzeit in der Allgemeinbevölkerung sowieso praktizierten Hygiene- und Abstandsmaßnahmen wirksam. Masken sind normalerweise nicht empfohlen, obwohl sie in asiatischen Ländern durchaus üblich sind. Erkrankte sollten, um andere nicht anzustecken, von Arbeit und Schule fernbleiben. Ein konsequenter Rauchstopp vermindert das Risiko für Erkältungskrankheiten. Probiotika und Echinacea haben möglicherweise einen geringen präventiven Effekt. Die Einnahme von Vitamin C und D zur „Stärkung des Immunsystems“ kann nicht empfohlen werden. Letztendlich bleibt es dabei: Regelmäßiges Händewaschen kann nicht schaden, und eine Erkältung dauert mit Behandlung eine Woche und ohne Behandlung 7 Tage.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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