Infektionsschutz zum Angewöhnen

Erkältungskrankheit, Influenza und Gastroenteritiden haben enorme gesellschaftliche und ökonomische Folgen und führen in normalen, pandemiefreien Zeiten zu Arbeitsausfällen und hohen Gesundheitskosten.

Infektionsschutz zum Angewöhnen

Thema der Woche, 22.03.2021 von Dr. med. Marlies Karsch

Allen ist aufgefallen, dass Erkältungskrankheiten, Influenza und Gastroenteritiden in diesem Winter und Frühjahr deutlich seltener auftreten. Das kommt sehr gelegen, niemand vermisst Norovirus-Ausbrüche. Der allgemeine Rückgang akuter Infektionskrankheiten wird als positiver Nebeneffekt der Lockdown-Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und Verhaltensempfehlungen in der COVID-19-Pandemie angesehen. Wie durchschlagend sich dieser Nebeneffekt auf die Zahlen der meldepflichtigen Infektionskrankheiten auswirkt, kann in den aktuellen Statistiken des RKI im Epidemiologischen Bulletin nachgelesen werden. Geradezu überwältigend ist der Rückgang der gemeldeten Influenza-Fälle: Bis zur Kalenderwoche 9 wurden 2020 126.880 Fälle gemeldet. Im selben Zeitraum dieses Jahres sind es dagegen nur 180 Fälle.

Bei den virusbedingten gastrointestinalen Infektionen ist der „Corona-Effekt" ebenfalls sehr beeindruckend: Wurden in den ersten neun Wochen des Jahres 2020 19.810 Fälle mit Norovirus-Gastroenteritiden gemeldet, sind es in diesem Zeitraum 2021 lediglich 1.810 Fälle. Auch die Zahl der Rotavirus-Gastroenteritiden schrumpfte auf ein Drittel der Fälle des Jahres 2020. Die Raten der bakteriell bedingten gastrointestinalen Infektionen sind 2021 zwar auch geringer, aber nicht so stark rückläufig wie die Raten der viralen Infektionen. Dies lässt sich dadurch erklären, das virale Magen-Darm-Infekte auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden und bakterielle Gastroenteritiden eher über kontaminierte, nicht ausreichend erhitzte Lebensmittel. Durch den Lockdown wird zwar nicht auswärts gegessen, aber dafür häufiger bei Restaurants und Lieferdiensten bestellt, so dass hier kein besonders starker Rückgang zu erwarten ist. Auch die Rate impfpräventabler, von Mensch zu Mensch übertragbarer, Erkrankungen ist 2021 deutlich niedriger. Die gemeldeten Keuchhusten- und Windpocken-Fälle sind 2021 um ein Vielfaches geringer als im Vorjahr.

Natürlich gibt es derzeit auch ohne die üblichen Ausbrüche von Infektionserkrankungen genug Patient*innen, die Hilfe brauchen. Aber wir sollten aus dem Rückgang der viralen Infektionen Schlüsse für die Zukunft ziehen. Influenzawellen und Norovirus-Ausbrüche sind bisher praktisch schicksalhaft über die Bevölkerung hinweggefegt, ohne wirksam eingedämmt werden zu können. Die jährlichen Influenza-Wellen gingen mit erheblicher Morbidität und Mortalität einher, und der Effekt der Impfung war jedenfalls nicht besonders durchschlagend.

Erkältungskrankheit, Influenza und Gastroenteritiden haben enorme gesellschaftliche und ökonomische Folgen. Sie führen in normalen, pandemiefreien Zeiten zu Arbeitsausfällen und hohen Gesundheitskosten. Hoffentlich wird zumindest im Nachhinein analysiert, welche Eindämmungs- und Infektionsschutzmaßnahmen zu welchem Zeitpunkt auf die Ausbreitung viraler Infektionen in der Bevölkerung gewirkt haben. Sicher sind daraus wichtige Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Die Rate an virusbedingten Infektionen kann vermutlich deutlich verringert werden, wenn in der Bevölkerung auch nach Corona ein Bewusstsein für Infektiosität bestehen bleiben würde: wenn es einfach zum guten Ton gehören würde, bei Atemwegsinfektionen möglichst zuhause zu bleiben, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen, auf Händeschütteln zu verzichten und niemanden anzuhusten. Es wäre schön, wenn es eine Selbstverständlichkeit bliebe, sich häufig die Hände zu waschen, besonders bei Magen-Darm-Infekten. Außerdem müssten auch Arbeitgeber*innen umdenken und Mitarbeiter*innen nicht mehr dazu nötigen, erkältet oder mit gastrointestinalen Symptomen arbeiten zu gehen. Wenn Eltern Kinder mit Fieber oder Durchfall nicht in den Kitas abgegeben müssten, weil sie beruflich unter Druck stehen, würden sich auch dort Infektionen weniger stark ausbreiten. Homeoffice bei leichteren Erkrankungen oder kranken Kindern sollte bei geeigneten Berufsgruppen zur Normalität gehören, aber auch kurze Krankmeldungen sollten zukünftig besser akzeptiert werden. Dass eine Vermeidung von Kontakten zu infektiösen Personen dazu beiträgt, Infektionen einzudämmen, haben wohl fast alle aus der Pandemie gelernt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis nicht gleich wieder vergessen wird.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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