Antidepressiva kritisch bewertet

Eine aktuelle dänische Übersichtsarbeit fasst die vorhandene Evidenz aus Metaanalysen und Reviews zusammen.

Antidepressiva kritisch bewertet

Thema der Woche, 10.08.2020 von Dr. med. Marlies Karsch

In Deutschland erleben 25 % der Frauen und 12 % der Männer im Laufe ihres Lebens eine depressive Episode. Weltweit sind 300 Millionen Menschen von einer Depression (Major Depressive Disorder) betroffen. Da Antidepressiva laut zahlreichen Studien und Metaanalysen einen signifikanten Effekt haben, werden diese Medikamente in gängigen internationalen Leitlinien empfohlen und in riesigen Mengen verordnet und eingenommen. Am häufigsten werden SSRI verschrieben und gelten als Erstlinientherapie. Der weltweite Einsatz von Antidepressiva garantiert den Herstellerfirmen seit Jahrzehnten enorme Umsätze. Immer wieder gab es auch kritische Stimmen, die den Effekt von Antidepressiva als gering oder klinisch nicht relevant bewerteten.

Eine aktuelle dänische Übersichtsarbeit fasst die vorhandene Evidenz aus Metaanalysen und Reviews zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die zahlreichen Wirksamkeitsbelege aus Studien und Metaanalysen auf minimalen Änderungen in den Depressionsskalen beruhen. Diese sind zwar statistisch signifikant, dürften aber für die Betroffenen selbst kaum eine Rolle spielen. Dies gilt für alle Antidepressiva-Typen (SSRI, SNRI, trizyklische und atypische Antidepressiva und MAO-Hemmer). Wir haben diese Analyse zum Anlass genommen, unseren Artikel Depression zu aktualisieren und die wenig belegte Wirksamkeit dieser gängigen Medikamente noch stärker hervorzuheben.

Die bisherigen Studien werden in der oben genannten Übersichtsarbeit für ihr teilweise hohes Bias-Risiko, für kurze Nachbeobachtungszeiten und für eine unzureichende Berücksichtigung von Nebenwirkungen kritisiert. Außerdem wird hervorgehoben, dass die zahlreichen Industrie-gesponsorten Studien öfter eine Wirksamkeit verschiedener Antidepressiva nachweisen als anderweitig finanzierte Studien. Dasselbe gilt auch für Metaanalysen, bei denen Autor*innen bei Pharmafirmen angestellt sind. Es ist also anzunehmen, dass Interessenkonflikte bei Wissenschaftler*innen und Autor*innen dazu führen, dass Effekte von antidepressiven Wirkstoffen systematisch übertrieben und Nebenwirkungen kleingeredet wurden.

Für die Annahme, dass Antidepressiva bei schwerer Depression im Vergleich zu leichten oder mittelgradigen Depressionen wirksamer sind, gibt es bislang ebenfalls keine Belege. Auch für die Wirksamkeit einer Langzeitbehandlung (> 1 Jahr) fehlt die wissenschaftliche Evidenz. Es besteht Forschungsbedarf. Hierzu sind qualitativ gute, große randomisierte klinische Studien mit langer Nachbeobachtungszeit erforderlich, in denen auch Nebenwirkungen umfassend erfasst und ausgewertet werden.

Angesichts der teilweise erheblichen Nebenwirkungen und des Interaktionspotenzials aller verschiedenen Antidepressiva-Typen, ist ihr Einsatz kritisch zu sehen und sollte nur nach umfassender Aufklärung Betroffener erfolgen. Die Autor*innen der dänischen Übersichtsarbeit raten sogar generell vom Einsatz von Antidepressiva bei Depression ab, bis es valide Evidenz für ihre Wirksamkeit gibt. Was sind die Alternativen? Wie kann den Betroffenen ohne Verordnung von Antidepressiva geholfen werden? Es gibt Wirksamkeitsnachweise für verschiedene Interventionen und Therapien, besonders für Psychotherapie, körperliche Aktivität, aber auch Entspannungstechniken, Wachtherapie oder Lichttherapie. Nichtmedikamentöse Behandlungsformen bei Depression werden in unserem Artikel Depression jeweils mit Wirksamkeitsbelegen übersichtlich dargestellt.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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